Qualifizierter Schachunterricht statt bloßer Spielstunde

Schulschach als Heilmittel gegen die PISA-Studie?

Der Begriff des Schulschachs hat sich in den letzten Jahren zu einem großen Schlagwort in der Schachszene etabliert. Doch was steckt eigentlich tatsächlich dahinter?
Nachdem die Ergebnisse der PISA-Studie ernsthafte Fragezeichen hinter das hiesige Schulsystem setzten, folgte die große Suche nach einem geistigen Antibiotikum für Schüler. Die Trierer Schachstudie schien eine solche Medizin offenbart zu haben. In der Folge wurde - und wird zum Teil noch heute - der Begriff "Schulschach" als Wundermittel regelrecht glorifiziert.
Keine Frage, die Ergebnisse dieser Trierer Studie sind wissenschaftlich begründet und sind auch schon zuvor in ähnlichen Untersuchungen zu Tage gebracht worden. Die Frage ist nur: Ist jedes Schachangebot in einer Schule gleich gut und besitzt es die Trierer Voraussetzungen? Ich möchte versuchen, eine Antwort darauf zu liefern.

Natürlich sprangen Schachvereine und Verbände, wie auch der Deutsche Schachbund, fortan schnell auf den Zug auf und warben mit dem Schachangeboten in Schulen im Interesse der Schulbildung der Kinder. Positiver Nebeneffekt sollte eine Mitgliederwerbung für die Vereine sein. Auch zahlreiche private Schachlehrer witterten plötzlich ihre Chance. Darunter waren auch hochkarätige Schachspieler, denen jedoch die nötigen pädagogischen Voraussetzungen fehlten. Es gab zahlreiche gute Ideen, die auch erfolgreich umgesetzt wurden. Doch nicht jede Maßnahme stand im Interesse der Schüler.
Seitens des Deutschen Schachbundes (er)fand man eine interessante Lösung. "Deutsches Schulschachpatent" wurde sie genannt. Dies gaukelt eine Schach-Ausbildung und somit eine Befähigung von Grundschullehrern oder Horterziehern vor. Unmengen dieser Zertifikate wurden bundesweit in sogenannten Schulungen vergeben, die viele Pädagogen im Rahmen ihrer vorgeschriebenen Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen auch wahrnahmen. Doch hinter diesem "Ausbildungsnachweis" steckt nichts weiter als ein Anwesenheitszertifikat über einen Wochenendlehrgang. Weder muss der Teilnehmer Vorkenntnisse im Schach besitzen, noch werden zum Lehrgangsende Befähigungen überprüft.
In unserer Praxis stießen und stoßen wir immer wieder auf die komplette Bandbreite sogenannter Schachlehrer: von Lehrern und Horterziehern, die eine großartige Arbeit leisteten bis hin zu Kollegen, welche nicht einmal den Grundregeln des Schachspiels mächtig waren bis hin zu starken Vereinsspielern, die sich pädagogisch als völlig ungeeignet erwiesen. Um es anders zu formulieren: Nicht überall, wo "Schachunterricht" auf dem Lehrplan steht, wird auch Schachunterricht betrieben.

 

Merkmale eines guten Schachunterrichts

Wie können Eltern einen guten Schachunterricht für ihr Kind erkennen und von einer betreuten Schachspielstunde unterscheiden? Es gibt dafür zwar kein Patentrezept, aber ein paar konkrete Tipps können wir schon geben. Stellen Sie gezielte Fragen! Sie haben das Recht dazu.

Hier sind unsere 7 goldenen Regeln:

  1. Fragen Sie Ihr Kind nach den Unterrichtsstunden nach deren Lerninhalte! Nach jeder Unterrichtsstunde sollte das Kind Ihnen sagen können, was im Unterricht besprochen wurde und was es gelernt hat.
  2. Kann Ihr Kind regelfest Schach spielen? Spätestens nach einem halben Jahr kontinuierlichen Unterrichts sollte jeder Schüler das Schachspiel regelkonform beherrschen. Anderenfalls müssen Sie Zweifel anmelden.
  3. Wird der Schachunterricht regelmäßig wöchentlich durchgeführt und besteht er länger als ein Jahr? Die positiven Lerneigenschaften im Sinne der Trierer Schachstudie basieren vor allem auf Kontinuität und Nachhaltigkeit.
  4. Fragen Sie den Schachlehrer nach konkreten Lerninhalten bzw. einem Lehrplan! Was sind die Ausbildungsziele nach einem halben Jahr, nach einem Jahr, nach zwei Jahren oder gar darüber hinaus? Ein guter Unterricht muss von konkreten Lernzielen geprägt sein. Er sollte Ihnen diese dann klar benennen können.
  5. Erhalten die Kinder originale Arbeitsmaterialien (Lehrgangshefte) im Unterricht? Arbeiten die Kinder regelmäßig damit und zeigen wöchentliche Lernfortschritte, können Sie diese anhand des Arbeitsheftes nachvollziehen. Achtung: Lose Kopien von Arbeitsmaterialien verstoßen in den meisten Fällen gegen das Urheberrecht der Autoren.
  6. Fragen Sie den Schachlehrer nach seinen Schachkenntnissen und pädagogischen Fähigkeiten! Steht ein Lehrer inhaltlich nicht über dem Lehrstoff oder wird er selbst häufig von Anfängern besiegt, werden das die Kinder bemerken. Selbst in Anfängergruppen gibt es meist talentierte Kinder, die aber einem geeigneten Schachlehrer nicht überlegen sein dürften. 
  7. Werden den Kindern der Schach-Gruppe/Schulklasse Turnierangebote gegen Gleichaltrige aus anderen Schulen oder Städten unterbreitet? Turniere gegen fremde Kinder anderer Trainings-/Unterrichtsgruppen bieten nicht nur den Kindern einen Vergleich für ihre Lernfortschritte sondern erlauben durchaus auch einen Eindruck über die Effizienz des Unterrichts. Werden bis zum 2. Jahr keine Wettbewerbe angeboten, könnte dies auf eine schlechte Ausbildung deuten, die dem Schachlehrer selbst bewusst ist.

Können Sie zumindest 5 dieser 7 Punkte mit gutem Gewissen positiv beantworten, dann sollte Ihr Kind im Schachunterricht in guten Händen sein. Beantworten Sie mehr als drei Punkte negativ, ist der Schachunterricht zu hinterfragen.

Aber Vorsicht: Damit Ihr Kind erfolgreich ausgebildet werden kann, sollte es selbst das nötige Interesse dafür mitbringen. Fehlt den Kindern die Begeisterung, verringern sich auch die Lernfortschritte. Aus diesem Grund befürworten wir auch keinen Unterricht für komplette Schulklassen als Pflichtfach, wie es häufig, vor allem von Schachverbänden und Vereinen gefordert wird.

 

Situationsanalyse in Sachsen 2013

Im Sinne hoher Qualitätsansprüche an einen qualifizierten Schachunterrichts in Sachsen sah die Schachschule Leipzig im Februar 2013 daher zu einer ersten Situationsanalyse zum Thema Schulschach in Sachsen veranlasst, die hier auf unserer Homepage veröffentlicht wurde.

>>> Zur Situationsanalyse <<<